Eine minimalistische Vektor-Illustration eines digitalen Schreibprozesses. Das zentrale Panel 'DRAFTING' (Entwurf) ist hervorgehoben und zeigt eine stilisierte Liste von Aktivitäten wie 'evolution' (Entwicklung), 'revisions' (Überarbeitungen) und 'paragraphs' (Absätze), sowie ein integriertes Säulen- und Kreisdiagramm. Dieses Panel ist eingerückt und liegt zwischen zwei weiteren, leicht abgedunkelten Panels für 'RESEARCH' (Forschung) und 'REVIEW' (Überprüfung).

Seit August 2026 versehen neue Claude-Modelle ihre Texte mit einem unsichtbaren Wasserzeichen. Andere Anbieter ziehen nach. Rund 190 Organisationen haben den EU-Verhaltenskodex zur Transparenz KI-generierter Inhalte unterzeichnet. Für Hochschulen klingt das zunächst nach der Lösung, auf die viele gewartet haben: endlich ein zusätzliches Signal, mit dem sich KI-generierte Texte erkennen lassen.

Die Entwicklung ist sinnvoll. Nur beantwortet sie eine andere Frage als die, die Prüfungsausschüsse tatsächlich beschäftigt.

Was ein KI-Wasserzeichen eigentlich macht

Sprachmodelle wählen Wort für Wort aus mehreren möglichen Fortsetzungen. Ob nach „Das Wetter war kalt und …" ein „grau" oder ein „bedeckt" folgt, hängt unter anderem von Zufallsentscheidungen bei der Generierung ab. Das Wasserzeichen ersetzt diese Zufallsquelle durch ein schlüsselgesteuertes Verfahren. Für Lesende bleibt die Wortwahl unauffällig. Wer den passenden Schlüssel besitzt, kann die statistische Signatur erkennen. Dem Text wird dabei nichts hinzugefügt. Es gibt keine versteckten Zeichen und keine zusätzliche Markierung im sichtbaren Text. Technisch handelt es sich um eine Variante von SynthID-Text, das Google DeepMind 2024 in Nature vorgestellt hat.

Den Anlass nennt Anthropic selbst: die Transparenzpflichten des EU AI Act, die seit dem 2. August 2026 gelten. Damit ist zugleich ziemlich klar, wofür dieses Verfahren entwickelt wurde. Es soll die Herkunft von KI-Inhalten im Informationsraum transparenter machen. Für den Nachweis von Urheberschaft in einer Prüfung ist das etwas anderes.

Was das Anthropic-Wasserzeichen nicht leisten kann

Bemerkenswert offen beschreibt Anthropic selbst die Grenzen des Verfahrens. Genau diese Punkte sollte jede Hochschule kennen, bevor sie ein Wasserzeichen zur Grundlage einer Prüfungsentscheidung macht:

  • Es zeigt, dass Claude an der Entstehung eines Textes beteiligt war. Ob Claude den Text weitgehend geschrieben oder nur stark überarbeitet hat, kann das Wasserzeichen nicht unterscheiden.
  • Es beweist nicht, dass ein Text von einem Menschen stammt. Andere KI-Systeme werden nicht automatisch erkannt, wenn sie ein anderes oder gar kein Wasserzeichen verwenden.
  • Bei kurzen Passagen ist die Erkennung unzuverlässiger, weil dort nur wenige freie Wortentscheidungen vorliegen.
  • Bei faktenreichen Texten und beim reinen Korrekturlesen gibt es oft zu wenig Spielraum, an dem sich die statistische Signatur zuverlässig festmachen lässt.
  • Wer einen markierten Text vollständig umschreibt, kann das Wasserzeichen entfernen.

Am deutlichsten wird Anthropic bei der Frage, was ein Wasserzeichen eigentlich beweist: Es sagt nichts über Eigentum oder Urheberschaft aus. Genau hier liegt der entscheidende Punkt. Die Prüfungsfrage lautet nicht nur: „War hier eine KI im Spiel?" Sie lautet vor allem: „Was hat diese Person selbst beigetragen?" Darauf liefert ein Wasserzeichen nach Aussage seines Herstellers keine Antwort.

Warum die Umgehung von KI-Wasserzeichen kein Randproblem ist

Dazu kommt die Forschungslage. Ein Team der ETH Zürich zeigte 2024 auf der ICML, dass sich Wasserzeichen-Regeln durch gezielte Abfragen eines markierten Modells näherungsweise rekonstruieren lassen. In der untersuchten Konstellation war das für weniger als 50 US-Dollar und mit einer durchschnittlichen Erfolgsquote von über 80 Prozent möglich, sowohl beim Entfernen als auch beim Fälschen der Wasserzeichen. Wichtig ist die Einschränkung: Untersucht wurden damalige Verfahren und nicht das heute von Claude eingesetzte Verfahren. Die Studie zeigt also keinen direkten Angriff auf Anthropics Wasserzeichen. Sie zeigt aber, wie grundsätzlich angreifbar diese Art von Verfahren sein kann.

Vor allem kennen wir das Muster bereits. Rund um KI-Detektoren ist eine ganze Klasse von „Humanizer"-Werkzeugen entstanden, deren Zweck darin besteht, Erkennungsmechanismen zu umgehen. Ein ähnliches Wettrennen ist auch bei Wasserzeichen plausibel. Zumal Anthropic selbst beschreibt, dass das eigene Verfahren durch vollständiges Umschreiben entfernt werden kann.

Das eigentliche Problem liegt bei der Frage nach der Urheberschaft

Wer akademische Integrität ausschließlich am fertigen Produkt festmacht, gerät langfristig in eine schwierige Position. Ein fertiger Text lässt sich verändern. Das gilt für Wortfolgen bei der Plagiatsprüfung, für Schreibmuster in der KI-Klassifikation und nun auch für statistische Signaturen in Wasserzeichen.

Was sich nicht nachträglich in gleicher Weise herstellen lässt, ist der Weg zum Text: Entwürfe, Überarbeitungen, Recherchespuren, Umwege und Korrekturen. Deshalb halten wir die Analyse des Schreibprozesses derzeit für den tragfähigeren Ansatz. Sie hängt nicht davon ab, welches Modell verwendet wurde. Auch die Frage, ob ein Modell ein Wasserzeichen setzt oder ob jemand versucht, dieses zu entfernen, ändert an der grundsätzlichen Evidenzbasis nichts.

Das Wasserzeichen wird dadurch nicht wertlos. Im Gegenteil: Als zusätzliches Signal für die Kennzeichnung von KI-generierten Inhalten kann es sinnvoll sein. Genau so sollte man es auch behandeln. Es ist ein Indiz unter mehreren und kein alleiniger Beweis. Das entspricht unserem Beleg-Prinzip: Kein Befund sollte auf einem einzelnen Werkzeug beruhen.

Für Transparenz im öffentlichen Informationsraum ist das ein Fortschritt. Für die Frage, wer eine Prüfungsleistung tatsächlich verantwortet, bleibt es nur ein Teil des Bildes.


Eigenleistung sichtbar machen

Wenn Sie prüfen möchten, wie sich Urheberschaft unabhängig vom verwendeten Modell und von einem möglichen Wasserzeichen nachvollziehbar machen lässt: Hier finden Sie unsere Werkzeuge im Überblick oder sprechen Sie uns direkt an.

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