Einleitung: Das Versprechen von KI – und die Macht guter Schreibfähigkeiten
Generative KI hat ein enormes Potenzial im Bereich des Schreibens freigesetzt. Tools wie ChatGPT können innerhalb von Sekunden ausgefeilte Absätze, Essays und Berichte erzeugen – und verändern so grundlegend, wie wir Texte entwerfen und überarbeiten [1]. Im Bildungsbereich kann man sich KI-gestützte Assistenten vorstellen, die Schüler*innen beim Brainstorming, der Rechercheorganisation oder der Grammatikunterstützung helfen. Die Ergebnisse sind oft beeindruckend. Tatsächlich zeigen Studien, dass Leserinnen KI-generierte Texte in bestimmten Kontexten mitunter sogar menschlichen vorziehen [2]. Doch das wahre Potenzial der KI im Schreiben entfaltet sich erst dann, wenn sie von einem kompetenten menschlichen Autor angeleitet wird. Ein/eine Schüler*in mit soliden Grundlagen im Schreiben kann KI nutzen, um die eigene Stimme und Kreativität zu verstärken, nicht um sie zu ersetzen. Mit einem guten Verständnis für Ideenfindung, Recherche, Argumentationsstruktur und klare Ausdrucksweise kann diese Person ein KI-Tool gezielt anleiten, komplexe Gedanken zu entwickeln und deren Output kritisch überarbeiten. Die KI wird zu einem mächtigen Kollaborateur, nicht zu einer Krücke. Ohne diese Basis des Autors bleibt der KI-Einsatz jedoch oft oberflächlich. Das Tool erzeugt zwar Text, aber der/die Schüler*in versteht oder vertraut ihm möglicherweise nicht wirklich. Wie wir sehen werden: Schreiben zu lernen ist im Zeitalter generativer KI wichtiger denn je – weil es Schüler*innen befähigt, diese neuen Werkzeuge effektiv zu nutzen und gleichzeitig die kognitiven Vorteile des Schreibprozesses zu bewahren.
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ToggleSchreiben lernen vs. Rechnen lernen: Die Taschenrechner-Analogie
Lehrkräfte ziehen oft einen Vergleich zwischen heutigen KI-Schreibtools und früheren Taschenrechnern. So wie wir einem Kind, das noch kein Einmaleins kann, keinen Taschenrechner in die Hand geben würden, sollten wir auch nicht erwarten, dass KI fehlende Schreibfähigkeiten kompensieren kann. Im Mathematikunterricht war es so, dass grundlegende Kompetenzen dem Technikeinsatz stets voraus gingen. Kinder lernen zunächst das kleine Einmaleins und führen schriftliche Divisionen per Hand durch; erst später, meist in der Sekundarstufe, kommen Taschenrechner zum Einsatz, um komplexere Berechnungen zu erleichtern. Als in den 1970er-Jahren tragbare Taschenrechner erschwinglich wurden, reagierten viele Schulen zunächst mit Zurückhaltung. Viele befürchteten, dass die „Rechenfähigkeiten der Schüler*innen ruiniert“ würden, wenn sie sich zu sehr auf Maschinen verließen [3]. Frühe bildungspolitische Leitlinien spiegelten diese Vorsicht wider: So empfahl ein nationales Gremium 1975, den Einsatz von Taschenrechnern im Unterricht frühestens ab der achten Klasse zuzulassen. Im Laufe der Zeit wuchs zwar das Vertrauen in den Taschenrechner-Einsatz auf verschiedenen Schulstufen – jedoch stets mit dem Fokus auf das Verständnis der zugrunde liegenden Mathematik. Lehrkräfte verlangten weiterhin, dass Schüler*innen ihre Rechenwege erklären – nicht nur das Endergebnis vom Display abschreiben. Selbst leistungsfähige grafikfähige Taschenrechner, die Gleichungen lösen oder Funktionen visualisieren konnten, änderten nichts an der Erwartung, dass Schüler*innen die zugrunde liegenden Konzepte verstehen mussten. Wie eine Lehrkraft sich erinnerte, spielten grafikfähige Taschenrechner „immer noch keine große Rolle“ beim Lernen von Algebra oder Analysis, denn „unsere Noten basierten immer darauf, wie wir unseren Lösungsweg erklärten – nicht nur auf dem Ergebnis“ [4]. Schließlich konnte ein Taschenrechner eine Lösung ausgeben, aber nicht erklären oder den Denkprozess veranschaulichen. Dank dieses strukturierten Ansatzes trat das befürchtete „Taschenrechner-Fiasko“ im Matheunterricht nie ein. Forschungen zeigten später, dass Taschenrechner den Lernerfolg nicht beeinträchtigten, im Gegenteil: Sie konnten das Lernen sogar fördern, wenn sie ergänzend und nicht ersetzend eingesetzt wurden.
Betrachten wir nun generative KI fürs Schreiben. Anders als Taschenrechner, die über Jahrzehnte langsam in Lehrpläne integriert wurden, haben KI-Schreibtools praktisch über Nacht Einzug in die Klassenzimmer gehalten. Seit der Veröffentlichung von ChatGPT Ende 2022 kam es zu einem plötzlichen, unkoordinierten Einsatz: Eine aktuelle Umfrage ergab, dass die Mehrheit der Schüler*innen generative KI bereits nutzt, obwohl sich die meisten Lehrkräfte unvorbereitet fühlen und Institutionen nicht wissen, wie sie damit umgehen sollen [1]. In vielen Fällen begegnen Schüler*innen der KI erstmals im Studium oder jungen Erwachsenenalter, ohne zuvor eine strukturierte Einführung erhalten zu haben, wie es bei Taschenrechnern der Fall war. Das bedeutet: Es fehlt häufig an Anleitung, wie KI sinnvoll eingesetzt wird. Das Ergebnis ist ein „Wilder Westen“ der KI-Nutzung: Manche verwenden sie zum Schummeln, andere ignorieren sie ganz. Die Taschenrechner-Analogie zeigt einen besseren Weg. So wie wir im Matheunterricht zunächst Kopfrechnen und Problemlösen lehren – vor und parallel zum Taschenrechnereinsatz – müssen wir auch im Schreiben zuerst die Grundlagen vermitteln: wie man Ideen entwickelt, mit Belegen untermauert, Argumente strukturiert und diese klar formuliert. Erst danach sollte KI als fortgeschrittenes Hilfsmittel eingeführt werden. Wenn wir KI ebenso schrittweise und durchdacht einführen wie einst Taschenrechner, können Schüler*innen sie nutzen, ohne dabei ihre grundlegenden Schreib- und Denkfähigkeiten zu verlieren.
Das Märchen vom „KI ersetzt Schreiben“
Es ist nachvollziehbar, warum manche Menschen glauben, Schreiben zu lernen sei heute überflüssig. Seitdem ChatGPT auf der Bildfläche erschien, titelten Medien reißerisch vom „Tod des College-Essays“, und einige Schüler*innen fragten sich offen, ob sie überhaupt noch schreiben lernen müssten. Ihre Argumentation: Wenn KI auf Knopfdruck ein gutes Essay oder Bewerbungsschreiben liefert, warum sollte man sich dann jahrelang damit abmühen? Diese Annahme ist jedoch grundlegend falsch!
Zunächst basiert sie auf der Vorstellung, Schreiben sei lediglich das Verfassen eines fertigen Textes. In Wahrheit geht es beim Schreiben um viel mehr als das Endprodukt. Es ist der Prozess, der dahintersteht. Schreiben ist Denken. Wenn wir schreiben, wählen wir Informationen aus, strukturieren unsere Gedanken, schaffen Zusammenhänge – kurz: Schreiben ist ein „Werkzeug des Denkens“ [3]. Durch das Ringen um die richtige Formulierung klären wir unsere eigenen Überzeugungen. Lassen Schüler*innen diesen Prozess aus, indem sie alles der KI überlassen, nehmen sie sich selbst die Chance, sich inhaltlich wirklich mit einem Thema auseinanderzusetzen. Bildungsforschung bestätigt dies: Schreiben zwingt Schüler*innen zur Analyse und Synthese von Informationen – und führt damit zu tieferem Verständnis. Wer etwa eine Zusammenfassung in eigenen Worten schreiben muss, überlegt: Was ist wichtig? Wie passt das zu meinem Vorwissen? Verstehe ich es wirklich? Diese kognitive Anstrengung ist der Kern von Lernen. Eine Bildungsexpertin brachte es auf den Punkt: „Die Stärke des Schreibens liegt in seiner Funktion als Denkwerkzeug.“ Wenn KI alles übernimmt, denkt der*die Lernende nicht mehr mit – und lernt damit auch kaum noch etwas. Kurz gesagt: KI kann Dir das Lernen nicht abnehmen. Sie kann vielleicht einen Text über die Ursachen der Französischen Revolution generieren – aber wer das einfach abgibt, ohne sich mit dem Thema auseinanderzusetzen, hat kaum etwas verstanden.
Zweitens verkennt das Märchen vom KI-Schreiben die Grenzen von KI-generierten Texten. Ja, generative KI produziert meist fehlerfreie Sätze in passablem Stil. Aber ist der Text immer zuverlässig, tiefgründig oder wirklich überzeugend? Meistens nicht. KI-Modelle „verstehen“ Inhalte nicht wirklich – sie sagen lediglich vorher, was wahrscheinlich als Nächstes kommt. Das Resultat: generische, eindimensionale Texte, mitunter voller kleiner Fehler oder unsinniger Behauptungen, die nur eine aufmerksamer Mensch bemerken würde [2]. Ohne solide Schreib- und Denkfähigkeiten wird ein/eine Schüler*in diese Mängel kaum erkennen. Hinzu kommt: Die besonderen Merkmale wirklich guter Texte – eine eigene Stimme, emotionale Tiefe, Kreativität, Kontextsensibilität – kann ein Sprachmodell schwer imitieren. Eine KI kann vielleicht ein Märchen mit Anfang, Mitte und Ende schreiben – aber es wird nicht die emotionale Kraft oder Authentizität einer Geschichte haben, die auf echter Erfahrung basiert [3]. Schreiben ist letztlich eine zutiefst menschliche Form der Kommunikation, die Empathie, Perspektivwechsel und Reflexion erfordert. Wir schreiben, um zu überzeugen, zu inspirieren, eine Verbindung herzustellen. Genau da scheitert die KI. Der Bildungsforscher Steve Graham bringt es auf den Punkt: Eine KI kann kompetent schreiben, aber sie wird nicht ausdrücken, wer wir sind, oder die menschliche Erfahrung nachempfinden. Im Zeitalter von KI wird echtes menschliches Schreiben wertvoller nicht überflüssiger.
Drittens übersehen viele, die sagen „Schreiben muss man nicht mehr lernen, die KI macht das“, einen zentralen Punkt: Um KI sinnvoll zu nutzen, muss man selbst schreiben können. Generative KI ist kein magischer Schreibautomat, der perfekte Weisheit liefert – sie ist ein Werkzeug. Und wie jedes Werkzeug ist sie nur so gut wie die Person, die sie benutzt. Inzwischen ist klar: KI kann nur dann eine wirkliche Hilfe sein, wenn sie von kompetenten Schreibenden gesteuert wird [2]. Wer gut schreibt, holt mehr aus der KI heraus – weil ersie weiß, was man fragen muss, wie man Ergebnisse bewertet und Texte überarbeitet. Pädagogische Studien betonen: Um gute Ergebnisse von der KI zu erhalten, braucht es präzise Prompts und die Fähigkeit, den Output kritisch zu prüfen [1]. Diese Fähigkeiten sind klassische Schreibkompetenzen: Sprachklarheit, Zielgruppenverständnis, Lesekompetenz. Wer nie gelernt hat, ein Argument zu strukturieren oder gute Belege zu erkennen, wird das auch durch KI nicht „magisch“ lernen. Ohne gute Schreibfähigkeiten kann man weder sinnvoll prompten, noch erkennen, was die KI richtig oder falsch gemacht hat. Deshalb sagen viele Lehrkräfte heute: Schreiben zu lernen ist im KI-Zeitalter sogar wichtiger. Ethan Mollick etwa beobachtet: „Gute Schreibende sind oft die besten im Umgang mit KI – weil sie die richtigen Kontexte und Feinheiten liefern können, um KI-Text auf ein hohes Niveau zu bringen.“ KI erweitert also menschliches Schreiben – ersetzt es aber nicht. Wenn Schüler*innen nie schreiben lernen, verliert das Tool seinen Sinn.
Antworten auf häufige Gegenargumente
Es lohnt sich, einige häufige Gegenargumente genauer zu betrachten und aufzuzeigen, warum sie einer kritischen Betrachtung nicht standhalten:
- „Die KI schreibt sowieso besser als ich, warum also selbst schreiben lernen?“
Tatsächlich produziert eine KI sehr schnell fehlerfreie Sätze und imitiert bestimmte Stile recht gut. Wer Schwierigkeiten beim Schreiben hat, könnte daher denken, ChatGPT schreibe flüssiger als man selbst. Doch „besser“ bedeutet beim Schreiben nicht allein korrekte Grammatik oder Schnelligkeit. KI-generierte Texte bleiben oft oberflächlich. Sie enthalten selten originelle Analysen oder eine persönliche Stimme – und sind oft sogar faktisch falsch oder banal. Eine Bildungsexpertin hebt hervor, dass KI, da sie nur Wortwahrscheinlichkeiten berechnet, häufig „generische, ungenaue, eindimensionale“ Prosa erzeugt, wenn kein Mensch den Prozess anleitet [2]. Wer sich ausschließlich auf KI verlässt, riskiert also fehlerhafte oder inhaltlich schwache Arbeiten. Nur durch eigenständiges Schreiben lernen Schüler*innen, Tiefe, Genauigkeit und persönliche Perspektiven in Texte einzubringen. Das sind Dinge, die eine KI allein nicht liefern kann. Zudem fehlt ohne kritische Schreibfähigkeiten die Möglichkeit, Fehler im KI-Output überhaupt zu erkennen. Ziel ist nicht nur ein grammatikalisch korrekter Text, sondern ein inhaltlich durchdachter Text. KI kann nicht für uns denken. - „In Zukunft wird niemand mehr schreiben lernen müssen. KI erledigt jegliche Textkommunikation.“
Dieses Argument ähnelt sehr dem, was früher über Taschenrechner gesagt wurde – doch Mathematik wird weiterhin an Schulen gelehrt, trotz allgegenwärtiger Taschenrechner. Der Grund dafür ist simpel: Grundkompetenzen sind unersetzlich. Wir lehren Mathematik, weil Zahlenverständnis und logisches Denken für unsere Gesellschaft essenziell sind – selbst wenn Computer rechnen können. Gleiches gilt fürs Schreiben: Klar formulierte Texte spiegeln klares Denken wider, und klare Denker*innen werden immer gebraucht werden. Auch in einer von KI dominierten Zukunft müssen Menschen weiterhin Ideen formulieren, Entscheidungen treffen und Ziele kommunizieren. Wer klar schreiben (und denken) kann, wird sogar noch wertvoller als derjenige, der KI anleitet, KI-Texte editiert und kreative, menschliche Perspektiven liefert, zu denen Maschinen nicht fähig sind. Außerdem bleibt Schreiben (wie auch Lesen) in vielen Alltagssituationen unerlässlich: beim Chatten mit Freund*innen, in persönlichen E-Mails, Bewerbungsschreiben oder gut begründeten Berichten. Diese Aufgaben sind persönlich und kontextabhängig. Würde man sie vollständig der KI überlassen, könnte dies emotionale Tiefe kosten oder Missverständnisse hervorrufen. Bisher ersetzt keine KI tatsächlich die menschliche Nuance in der Kommunikation. Solange Menschen Ideen austauschen, Geschichten erzählen und sich gegenseitig überzeugen, bleibt Schreiben unverzichtbar. Um eine Professorin zu zitieren: „Solange Menschen Ideen, Emotionen, Geschichten und Identitäten kommunizieren, die einzigartig menschlich sind, wird der Schreibunterricht nicht verschwinden.“ [3] - „Wir sollten Schüler*innen lieber den Umgang mit KI-Tools lehren – statt altmodischer Schreibübungen.“
Es handelt sich nicht um eine Entweder-oder-Frage. Wir müssen beides tun, aber in der richtigen Reihenfolge. Schüler*innen allein die KI-Nutzung beizubringen, ohne Schreibfähigkeiten zu vermitteln, hieße, das Pferd von hinten aufzuzäumen. Stellen wir uns Mathematikunterricht vor, in dem Schüler*innen lediglich lernen, Taschenrechner zu bedienen, ohne mathematische Formeln zu verstehen – sie könnten zwar Ergebnisse erzielen, doch keine Lösungen nachvollziehen. Ähnlich verhält es sich mit KI und Texten: Wer nie schreiben gelernt hat, weiß nicht, ob ein KI-Text logisch oder gut strukturiert ist. Effektiver KI-Einsatz setzt solide Schreibgrundlagen voraus [1]. In der Praxis ergänzen sich Schreibunterricht und KI-Nutzung ideal: Sobald Schüler*innen ein Argument formulieren können, lässt sich KI gut als Werkzeug einsetzen, beispielsweise für Brainstorming oder Grammatikprüfung. Aber das funktioniert eben nur, weil sie bereits wissen, was sie ausdrücken möchten. Wenn Schüler*innen KI-generierte Texte kritisch bewerten oder verbessern, üben sie zugleich essenzielle Schreibkompetenzen. Fazit: Wir sollten Schüler*innen unbedingt lehren, KI sinnvoll zu nutzen – jedoch basierend auf fundierten Schreibfähigkeiten. KI ist eine neue Technologie, doch klares Denken und Schreiben sind zeitlose Kompetenzen, auf denen jeder sinnvolle Technologieeinsatz beruht.
Schreiben als Problemlösen: Parallelen zu Mathematik und kritischem Denken
Einen Aufsatz zu schreiben und eine Matheaufgabe zu lösen scheinen auf den ersten Blick sehr unterschiedliche Aufgaben zu sein: Die eine verwendet Wörter, die andere Zahlen. Doch auf kognitiver Ebene sind sich beide verblüffend ähnlich. Beide sind Formen des Problemlösens, die höhere Denkleistungen aktivieren. Eine Mathematikerin zerlegt komplexe Aufgaben in einzelne Schritte, wendet bekannte Prinzipien an und probiert Lösungswege aus. Ebenso muss eine Schreibender eine komplexe Idee analysieren, Argumente strukturieren, Beweise finden und sie zu einem schlüssigen Ganzen zusammenfügen. Wenn ein Argument nicht trägt, überarbeitet oder verändert man es – ähnlich wie ein mathematisches Problem, bei dem man nach einer falschen Lösung neue Ansätze probiert. Tatsächlich beschreiben kognitive Studien das Schreiben explizit als „Problemlöseprozess“, der viele unterschiedliche Kompetenzen kombiniert (Vokabular, Grammatik, Logik, Kreativität) [6].
Im Mathematikunterricht verlangt eine Textaufgabe, dass Schüler*innen die Situation verstehen, die eigentliche Frage erkennen, Lösungswege auswählen, Berechnungen durchführen und am Ende ihre Lösungen nachvollziehbar erläutern. Genauso funktioniert ein Geschichtsaufsatz: Schüler*innen müssen eine Frage verstehen, Stellung beziehen, passende Fakten finden und schlüssig erklären, warum sie zu einer bestimmten Schlussfolgerung kommen. Beide Aktivitäten umfassen Analyse, Planung, Umsetzung und Revision. In beiden Fällen denken Schüler*innen strukturiert. Daher setzen Lehrkräfte in Mathematik- oder Naturwissenschaftsklassen oft Schreiben ein, um den Lernprozess zu vertiefen. Denn das schriftliche Erläutern von Lösungswegen („Erkläre, wie du zur Lösung kamst“) führt zu tieferem Verständnis der Inhalte. Laut dem National Council of Teachers of Mathematics (NCTM) fördert schriftliche Kommunikation die Präzision und Klarheit des Denkens [7]. Mit anderen Worten: Schreiben zwingt Schüler*innen dazu, Inhalte präziser zu verstehen. Dieselbe Klarheit ist Ziel jedes guten Aufsatzes: Er soll klar und überzeugend sein, was nur gelingt, wenn man den Stoff wirklich versteht.
Auch wissenschaftlich betrachtet ähneln sich Schreib- und mathematische Denkprozesse stark. Beide Prozesse aktivieren die exekutiven Funktionen des Gehirns – darunter Planung, Priorisierung und Fortschrittskontrolle. Schreiben gilt als „wissensverändernde Tätigkeit“: Schüler*innen präsentieren dabei nicht nur vorhandenes Wissen, sondern erweitern es aktiv, indem sie Verbindungen schaffen und Schlussfolgerungen ziehen [7]. Beim Formulieren von Argumenten entdeckt man oft neue Erkenntnisse oder Fehler in der eigenen Logik. Gleiches geschieht beim Problemlösen in Mathematik. Beide Prozesse sind iterativ und generativ: Man entwickelt Ideen, überprüft sie auf Sinnhaftigkeit und verbessert sie schrittweise. Das erklärt, warum fächerübergreifend oft Schreiben genutzt wird, um Lernprozesse zu verbessern. Studien zeigen, dass Schreibaktivitäten in Mathematik und Naturwissenschaften das Lernen nachweislich fördern. Schreiben hilft, Wissen zu festigen und Zusammenhänge besser zu verstehen – ähnlich wie Übungsaufgaben im Mathematikunterricht.
Fazit: Schreibkompetenz im KI-Zeitalter – wichtiger als je zuvor
Die Verbreitung generativer KI hat den Schreibunterricht nicht etwa überflüssig gemacht, sondern wichtiger denn je. Wir stehen an einer ähnlichen Schwelle wie einst die Mathematik mit Einführung des Taschenrechners: Wir verfügen nun über mächtige Werkzeuge, müssen aber sicherstellen, dass wir sie integrieren, ohne die zugrundeliegenden Fähigkeiten und das Verständnis zu verlieren. Die Antwort lautet nicht, das Schreiben abzuschaffen, sondern es sogar zu intensivieren. Sorgen wir dafür, dass alle Schüler*innen von den vielfältigen Vorteilen des Schreibens profitieren, während sie gleichzeitig lernen, KI sinnvoll einzusetzen. Unser Ziel als Lehrkräfte sollte sein, Schüler*innen zu klaren Denkerinnen und überzeugenden Kommunikatorinnen auszubilden – nicht nur zu Technologiekonsumentinnen. Wenn uns dies gelingt, können Schüler*innen KI nutzen, um Großartiges zu leisten, weil sie ihre eigenen Ideen, ihre persönliche Stimme und kritisches Denken einbringen – alles Dinge, die keine Maschine ersetzen kann.
Praktisch bedeutet dies, den akademischen Schreibunterricht weiterhin zu priorisieren. Schüler*innen sollten den gesamten Prozess lernen: Ideenfindung, Recherche, Argumentationsstruktur, Entwurf und Revision. Diese Schritte entwickeln ihre Fähigkeit, klar und überzeugend zu argumentieren. Sobald sie sicher im Schreiben sind, lässt sich KI behutsam und pädagogisch sinnvoll einsetzen, ähnlich wie der Taschenrechner im fortgeschrittenen Mathematikunterricht. Schüler*innen könnten KI nutzen, um Beispiele zu generieren oder Texte zu verbessern. Aber dabei stets so arbeitend, dass sie die Kontrolle behalten.
Schreiben ist letztlich ein zutiefst menschliches Handwerk. Es geht um weit mehr als die bloße Übermittlung von Informationen. Schreiben bedeutet, Bedeutung zu transportieren, Erfahrungen zu teilen, ein Publikum zu überzeugen oder zu berühren. Genau diese menschlichen Aspekte machen Schreiben essenziell – in der Bildung und im Leben. Wir wünschen uns keine Generation, die zwar KI bedienen kann, aber nichts Eigenes zu sagen hat. Wie eine Expertin treffend formulierte: Wir müssen sicherstellen, dass KI ein Werkzeug bleibt, das Schüler*innen aktiv nutzen – und keines, das an ihrer Stelle denkt [3]. Schüler*innen sollten ihre Ausbildung als Autorinnen ihrer eigenen Gedanken abschließen – mit KI als Assistenten, nicht als Autor. Wir sind verpflichtet, diese Selbstbestimmung zu bewahren.
Wie es die Pädagogin Yolanda Lau inspirierend ausdrückt: „Auch wenn wir eine KI-unterstützte Zukunft willkommen heißen, dürfen wir das Schreiben und andere Ausdrucksformen niemals vollständig auslagern“ [2]. Der Preis dafür wäre zu hoch: unsere Kreativität, unser kritisches Denken, unsere einzigartige Stimme. Wenn wir weiterhin das Schreiben lehren, bewahren wir nicht eine veraltete Kompetenz, sondern fördern das Zentrum menschlicher intellektueller Entwicklung. Die nächste Generation der Schreibenden wird mit der KI mühelos zusammenarbeiten und zugleich selbstbewusst mit ihren eigenen Gedanken führen. Rüsten wir sie dafür. Denn solange Menschen einzigartige Gedanken und Geschichten teilen, bleibt das Schreiben eine essenzielle Fähigkeit – und keine Maschine kann uns das jemals nehmen [3].
Lasst uns mit neuer Leidenschaft den Schreibunterricht fördern, überzeugt davon, dass er unsere Schüler*innen befähigt, im KI-Zeitalter erfolgreich zu sein – und nicht darin unterzugehen.
Quellen:
[1] Suzanne S. Hudd et al., “Reading, Writing, and Thinking in the Age of AI,” Faculty Focus, 2025.
[2] Yolanda Lau, “Why Students Still Need to Learn to Write in the Age of AI” yolandalau.com (Blog), 2024.
[3] Steve Graham, “Why should we teach writing in the age of artificial intelligence?” Medium, 2024
[4] Amy J. Ko, “More than calculators: Why large language models threaten learning, teaching, and education”, Bits and Behavior (Medium), 2023.
[5] Audrey Watters, “A Brief History of Calculators in the Classroom”, Hack Education, 2015.
[6] Frontiers in Education, “Generalizability of Written Expression Curriculum-Based-Measurement in the German Language: What Are the Major Sources of Variability?”, 2022.
[7] Mary Resanovich, „4 ways to engage students with writing in math class„, NWEA Blog, 2024






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