3D-Modell eines Oktaeders für akademische Basiskompetenzen: Ethos, Lesen, Schreiben, Wissen, Denken, mit grün-magenta Fluss-Pfeilen.

Wer unseren Blog verfolgt, kennt Dr. Monika Oertner bereits: Die Konstanzer Schreibdidaktikerin hat mit ihrer Untersuchung zum Para-Plagiat präzise dokumentiert, woran klassische Plagiatssoftware scheitert. Jetzt hat sie etwas Grundlegendes veröffentlicht. Keinen Testbericht, sondern ein Denkmodell. Unter "Akademische Basiskompetenzen" präsentiert sie einen drehbaren Deltaeder mit fünf Eckpunkten: Lesen, Schreiben, Denken, Wissen und Ethos. Man kann ihn mit der Maus greifen, wenden und an jeder Kante anklicken, wie diese Kompetenzen einander stützen. Wir finden: Das lohnt sich. Und diese Gedanken zur Natur des Lernens in Schule und Studium spielen natürlich auch eine zentrale Rolle für unsere Arbeit bei Mentafy.

Das Modell in Kürze

Die Idee ist so einfach wie folgenreich: Die fünf Basiskompetenzen eines Studiums stehen nicht nebeneinander, sondern in gegenseitiger Abhängigkeit. Wissen unterstützt das Denken, Lesen das Schreiben, Schreiben wiederum das Wissen. An jeder der neun Kanten des Deltaeders hängen zwei Erläuterungen, für jede Richtung eine, achtzehn Relationen insgesamt. Und an jeder dieser Relationen ist vermerkt, welche Art von KI-Gebrauch das Potenzial hat, sie zu beschädigen:

  • Informationsbeschaffung per KI
  • KI-Textauswertung
  • KI-Gliederungsvorschläge
  • KI-Texterstellung und
  • KI-Textbearbeitung.

Die kurzen Erklärtexte an den Kanten des Deltaeders versteht Oertner ausdrücklich als Denkanstöße; auf Quellenangaben hat sie dort bewusst verzichtet. Es ist ein Positionspapier in Modellform: pointiert, streitbar und gerade deshalb produktiv.

Warum uns dieses Modell überzeugt

Es beantwortet die Frage, die in der Integritätsdebatte chronisch zu kurz kommt: Warum eigentlich? Warum ist es ein Verlust, wenn Studierende das Schreiben auslagern, solange am Ende doch ein ordentlicher Text steht?

Die Antwort des Modells: weil die Hausarbeit kein bürokratisches Ritual ist, sondern das Trainingsgelände, auf dem alle fünf Kompetenzen gleichzeitig angewendet und ausgebaut werden. Beim Schreiben wird gelesen, gedacht, Wissen sortiert und Verantwortung für die eigene Position übernommen. Oertner nennt das epistemische Schreiben: das Denken auf dem Papier. Wer diesen Prozess an eine Maschine abgibt, verliert nicht einen Text, sondern verlässt quasi vollständig das Training. Und weil die Kompetenzen einander stützen, bleibt es nicht bei einem isolierten Ausfall. Das Zusammenspiel ist, wie es im Untertitel der Seite heißt, empfindlich.

Genau diese Denkfigur liegt auch unserer Arbeit zugrunde. Der Verstand ist ein Muskel; das Studium ist sein Fitnessstudio. Eine KI, die das Training übernimmt, löst Aufgaben, aber macht niemanden stärker.

Der Schlüsselbegriff: Zuschreibbarkeit

Ein Begriff aus dem Modell verdient besondere Aufmerksamkeit, weil er die Brücke zwischen Schreibdidaktik und Integritätsprüfung schlägt: die Zuschreibbarkeit. Unter „Ethos unterstützt das Schreiben" formuliert Oertner den Anspruch, dass jede Aussage eines akademischen Textes in ihrer Herkunft transparent und nachvollziehbar sein muss. Eigene und fremde Leistung klar getrennt, die Provenienz jeder Angabe nachweisbar.

Das ist nichts weniger als die theoretische Grundlage dessen, was wir bei Mentafy technisch umsetzen. Unsere Werkzeuge prüfen genau diese Provenienz: Die Semantische Spuren-Suche (S³) verfolgt die Herkunft von Inhalten auch dann, wenn Paraphrase oder Übersetzung jede wörtliche Spur getilgt haben. Der Referenzen-Check prüft, ob die angegebenen Quellen tragen. Und die Analyse des Schreibprozesses kann – wo solche Daten vorliegen – zeigen, ob ein Text durch echtes Denken auf dem Papier gewachsen ist. Oertner beschreibt das Warum. Wir bauen am Wie.

Wo wir stehen – eine ehrliche Einordnung

Volle Transparenz: Wir sind selbst ein KI-Unternehmen. Wir teilen nicht jede Zuspitzung des Modells, und wir glauben, anders, als es die durchgehend warnende Tonlage nahelegen mag, dass KI in der Bildung ein Segen sein kann: als Tutor, der beim Verstehen hilft, statt als Ghostwriter, der es ersetzt. An intelligenten tutoriellen Systemen arbeiten wir selbst.

Aber in der Diagnose sind wir uns mit Oertner vollkommen einig: Dort, wo Kompetenzen erworben und nachgewiesen werden sollen, darf die KI nicht heimlich die Übung übernehmen. Lernen muss Lernen bleiben. Unsere Antwort darauf ist nicht das Verbot an jeder Kante, sondern der Schutz der Räume, in denen das Training stattfindet: Schreibaufgaben, deren Urheberschaft sich fair belegen lässt. Nach unserem Beleg-Prinzip stützt sich dabei kein Befund auf ein einzelnes Werkzeug, ein Befund ist kein Urteil, und die Entscheidung trifft am Ende ein Mensch. So bleibt die unbeaufsichtigte Schreibaufgabe, also das Trainingsgelände des hier zitierten Deltaeders, auch im KI-Zeitalter prüfbar. Und was prüfbar bleibt, muss nicht abgeschafft werden.

Drehen Sie selbst!

Der Deltaeder ist keine Lektüre, sondern ein Instrument: Man dreht ihn, klickt eine Kante an und hat einen Gesprächsanlass fürs nächste Fakultätsgespräch, die nächste Lehrkonferenz, das nächste Seminar zur guten wissenschaftlichen Praxis. Genau dafür ist er gemacht.

Beigegeben ist eine umfangreiche Liste mit KI-Nutzungsfolgen in Bildung und Gesellschaft, gestützt auf die allerneusten Quellen. Und unter dem Reiter „Verwendung“ bietet Oertner gratis Lehrmaterialien an, die das Modell für den Unterricht nutzbar machen. Alles zu finden unter akademische-basiskompetenzen.de.


Über Dr. Monika Oertner

Dr. Monika Oertner ist Publizistin und Schreibberaterin an der HTWG Konstanz. Ihre Arbeiten zu generativer KI und wissenschaftlichem Schreiben: oertner.net/Publikationen/GKI.

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